Samstag, 9. Februar 2008

Erich Maria Remarque - "Gesamtwerk"

Ich habe bisher von diesem Autor "Im Westen nichts Neues" gelesen und war "angetan" von Remarques erzählerischen Qualitäten. Der Leser hat den Eindruck eine Milieustudie zu lesen; der Schreibstil Remarques ist durchzogen von einer gewissen Nüchternheit, Schlichtheit und einer gewissen Sachlichkeit. Er wertet Ereignisse, allerdings auf seine Weise, indem er seine Figuren über das Geschehen nachdenken lässt und sie dann Sätze denken oder auch sagen lässt, die einfach, salopp formuliert, "einschlagen wie eine Bombe". Wenn z.B. Paul Bäumer, der Protagonist aus "Im Westen nichts Neues" darüber sinniert, dass sie Truppennachwuchs erhalten haben, der untauglich ist, weil dieser "viel zu jung wäre. Sie selbst sind mit ihren 19/20 Jahren schon alte Leute."

Ich lese derzeit ein weiteres Werk von ihm, und zwar "Zeit zu leben und Zeit zu sterben". Ich gebe euch mal eine kurze Inhaltsangabe von amazon.de: Es ist die Geschichte des Soldaten Gruber, der während des Zweiten Weltkrieges Fronturlaub bekommt und die Zerstörung der Heimat, aber auch die Möglichkeit der Liebe erlebt. Voller Zweifel kehrt er an die russische Front zurück ...
Ich halte nicht viel von dieser kurzen Inhaltsangabe, verschleiert sie doch die Grundfrage des Romans, nämlich inwieweit der einzelne Soldat (Mit-)Schuld am Kriegsgeschehen bzw. an seinen eigenes begangegen Kriegsgreueln hat.

Das ist also nun mein zweiter Remarque. Der dritte liegt bereits im Bücherregal: "Der Funke Leben". Nur als kurze Information: 1952 verfasst ist dieses Werk ein Zeugnis eines fiktiven KZ-Häftlinges und dessen Leben und Sterben in einem nicht näher spezifizierten, deutschen Konzentrationslager.

Als letztes möchte ich folgendes erwähnen: Der Verlag Kiepenheuer und Witsch hat eine "Gesamtausgabe" herausgegeben. (Dazu sage ich gleich noch etwas.) Diese besteht aus folgenden Bänden, die im übrigen alle auf meiner Wunschliste stehen:

- Mehrere Kurzprosa
- Die Traumbude (1920)

- Station am Horizont (erstmals erschienen: 1927/1928)
- Im Westen nichts Neues (erstmals erschienen: 1928/1929)
- Der Feind (1930/1931)
- Der Weg zurück (1930/1931)
- Drei Kameraden (1936/1937)
- Liebe deinen Nächsten (1939/1941)
- Arc de Triomphe (1945)
- Der Funke Leben (1952)
- Zeit zu leben und Zeit zu sterben (1954)
- Der letzte Akt (1955)
- Seid wachsam!! (1956)
- Die letzte Station (1956)

- Der schwarze Obelisk (1956)
- Geborgtes Leben / Der Himmel kennt keine Günstlinge (1959/1961)
- Die Nacht von Lissabon (1961/1962)
- Das gelobte Land (1970)
- Schatten im Paradies (1971)

Die Kursiv-Gedruckten sind erst gar nicht erschienen und zum letzteren Werk "Schatten im Paradies" zitiere ich einen amazon.de-Rezensensenten: Die im Verhältnis zu seinen anderen Werken ziemlich negative Einschätzung, die auch hier aus den Rezensionen spricht, ist berechtigt. Allerdings trifft sie nicht den Autor, sondern seine Witwe Paulette Goddard-Remarque und den Verlag Droemer-Knaur. Marc Wilhelm Küster hat in einer Untersuchung über die Manuskriptlage des unvollendeten Werks nachgewiesen, daß die veröffentlichte Fassung "auf einem von Remarque verworfenen Manuskript beruht und damit nicht nur ohne seine Autorisation, sondern gegen seinen Willen erschien. Der einzige Grund, der Droemer-Knaur bewogen hat, diesen Text zu wählen, war der Wunsch, einen Bestseller zu landen." Dabei hat Küster anhand der im Nachlaß befindlichen Manuskriptversionen nachweisen können, daß der Autor den Roman neu konzipiert und den Text umgeschrieben hat. Die neueste Fassung endet mitten in Kapitel 21. (Mehrfaches, zum Teil radikales Umschreiben war bei Remarque normal; so entstanden alle seine Werke.) Die Behauptung von Goddard und dem Testamentsvollstrecker Felix Guggenheim, die gedruckte Version sei die letzte Fassung, ist eine schlichte Unwahrheit.

Inwiefern ist ein Verlag glaubwürdig, der zum einen ein Manuskript verwendet, welches nicht mehr dem neusten Stand entspricht und auch nicht dem Wunsch des Autors entspreche? (Ansonsten hätte er es nicht neukonzipiert, wäre das die entgültige Fassung geworden.)

Dem Verlag werfe ich auch noch etwas anderes vor. Ich zitiere von seiner Verlagshomepage: Im Gesamtwerk des Autors gibt es aber neben den vertrauten noch zahlreiche unbekannte oder verges-sene Seiten neu- und wiederzuentdecken.
Ein Gesamtwerk besteht nicht aus ausgewählten Werken, sondern ist wirklich ein Gesamtwerk, sprich auch die früheren Werke sollten dazu gehören und man sollte nicht selektiv die bekanntesten auswählen...

Das einzige positive an dieser 1998er-Gesamtwerksfassung? Es gibt ein interessantes Begleitbuch zu Remarque selbst: Link
und auch die Covergestaltung der einzelnen Werke ist doch sehr einfach, aber doch aussagekräftig mit Werken der Malerei, u.a. von Felix Nussbaum.

2865334z

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